By Frank Vincentz - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12355029

Werkzeug aus Remscheid - Warum hier seit 500 Jahren Werkzeuge gemacht werden

Wer in Deutschland „Werkzeug" sagt, sagt früher oder später „Remscheid". Das ist keine Marketingphrase, das ist Wirtschaftsgeschichte – und sie ist älter, als die meisten vermuten. Rund 500 Jahre bevor irgendjemand ein Werkzeug online bestellen konnte, wurde in den Tälern rund um Remscheid bereits geschmiedet, geschliffen und exportiert.

Wir sitzen mitten in dieser Stadt. Höchste Zeit also, einmal zu erklären, warum sie das geworden ist, was sie ist.

Der Zufall war Geologie

Werkzeugstädte entstehen nicht durch Beschluss. Sie entstehen dort, wo drei Dinge zusammenkommen: Energie, Rohstoff und Verkehr.

Im Bergischen Land war alles drei vorhanden. Die Region liegt auf der regenreichen Westseite des Rheinischen Schiefergebirges, im großen Bogen der Wupper. Eschbach, Morsbach und die Wupper selbst haben tiefe, steile Täler in die Höhen geschnitten, Täler mit stetigem Gefälle und, dank des bergischen Wetters, mit zuverlässig viel Wasser darin. Genau das braucht ein Wasserrad.

Dazu kamen ausgedehnte Wälder, aus denen die Holzkohle für die Schmiedefeuer stammte, und verhüttbares Eisenerz aus dem benachbarten Siegerland. Wasserkraft, Brennstoff, Eisen: Die Grundausstattung einer eisenverarbeitenden Industrie lag im Umkreis weniger Tagesreisen beieinander. 

15. Jahrhundert: Hämmer und Kotten in den Tälern

Ab dem 15. Jahrhundert entstanden an den Bächen um Remscheid die ersten wassergetriebenen Hammerwerke. Kurz darauf kamen die Schleifkotten dazu – kleine Fachwerkgebäude direkt am Wasser, in denen die geschmiedeten Rohlinge ihre Schneide bekamen. Zwei Jahrhunderte später standen die Anlagen in den Tälern in dichter Folge, praktisch jede nutzbare Gefällestufe war belegt.

Interessant ist, was dort zuerst hergestellt wurde: fast dreihundert Jahre lang vor allem Sensen. Nicht Zangen, nicht Schraubendreher – Landwirtschaftsgerät. Sensen und Sicheln waren die Massenware Europas, jeder Bauernhof brauchte sie, und sie verschlissen zuverlässig.

Diese Frühzeit steckt bis heute im Stadtwappen: Unter dem bergischen Löwen sitzt eine silberne Sichel. Sie geht auf ein Gerichtssiegel von 1566 zurück und erinnert an die Sichel- und Sensenschmiede, die am Anfang der ganzen Geschichte standen.

Um 1700: aus einem Produkt werden tausende

Ab etwa 1700 kippte das Verhältnis. Die landwirtschaftlichen Geräte verloren an Bedeutung, und aus der Sensenschmiederei wurde die bergische Werkzeugindustrie. Die Betriebe nahmen einen Artikel nach dem anderen ins Programm – und trauten sich dabei erstaunlich weit weg vom Kerngeschäft: Bügeleisen, Kaffeemühlen, Schlittschuhe und Zimmermannswerkzeuge gehören zu den Dingen, die hier möglicherweise als Erstes überhaupt gewerblich gefertigt wurden.

Um 1800 umfasste die Palette der Remscheider Werkzeugproduktion mehrere tausend Artikel. Das ist der eigentliche Bruch in der Stadtgeschichte: Remscheid hörte auf, ein Ort mit einem Produkt zu sein, und wurde ein Ort mit einem Sortiment.

Wer heute in einem Werkzeugkatalog blättert und sich über die Zahl der Spezialwerkzeuge wundert, sieht die direkte Fortsetzung einer Logik, die hier vor über 300 Jahren angefangen hat: Für jedes Problem das passende Werkzeug – notfalls ein neues.

Die Kaufleute: der unterschätzte Teil der Geschichte

Geschmiedet wurde in den Tälern. Entschieden wurde auf den Höhen.

Um die stattlichen bergischen Kaufmannshäuser auf den Bergrücken gruppierten sich die kleinen Höfe der Schmiede. Die Kaufleute – im westfälischen und oberbergischen Raum auch Reidemeister genannt – waren dabei mehr als Händler. Ein Reidemeister war ursprünglich ein Kleinunternehmer, der auf eigenem Grund ein Hammerwerk oder eine Schmiede betrieb, Roheisen und Holzkohle einkaufte und die fertige Ware selbst vertrieb. Aus dieser Doppelrolle entwickelte sich das Verlagssystem: Der Kaufmann gab die Fertigung an Hausproduzenten weiter, kaufte ab und übernahm den Absatz.

Und der Absatz war das eigentliche Kunststück. Die bergischen Kaufleute brachten das Werkzeug zuerst nach Holland und Belgien, von dort weiter nach England und Frankreich, über Lübeck nach Skandinavien. Besonders wichtig wurde Russland, bis zum Ersten Weltkrieg einer der Hauptabnehmer bergischer Waren. Verkaufsreisen dauerten Monate.

By Frank Vincentz - Own work, CC BY-SA 3.0

Ein paar Zahlen, die das Ausmaß greifbar machen:

  • 1817 gab es in Remscheid 53 Handelshäuser, die ausschließlich für den Export arbeiteten.
  • Noch in den 1890er Jahren lag die Exportquote der Remscheider Fertigwaren bei rund 40 Prozent – in einzelnen Betrieben deutlich darüber.

Es gab Rückschläge. Unter Napoleons Kontinentalsperre litten Export und Inlandsabsatz erheblich. Derselbe Napoleon sorgte allerdings 1808 auch dafür, dass das Kirchspiel Remscheid überhaupt erst zur Stadt erhoben wurde.

„Seestadt auf dem Berge"

Aus diesem weltweiten Handel entstand in den 1880er Jahren der Beiname, den Remscheid bis heute trägt: Seestadt auf dem Berge. Eine Stadt ohne Hafen, ohne Fluss, der etwas taugt, ohne Meer in Reichweite – benannt nach ihren Überseebeziehungen. Selbstbewusster kann ein Spitzname kaum sein.

Passend dazu die Musterbücher der Handelshäuser: bebilderte Sortimentsverzeichnisse, mit denen die Kaufleute auf Reisen gingen. Die direkten Vorfahren jedes Werkzeugkatalogs und, wenn man so will, auch jedes Online-Shops.

By Wilh. Fülle, GmbH, Barmen - ImageZeno.org, ID number 20000657581

Und heute?

Die Werkzeugindustrie ist in Remscheid nie verschwunden, sie ist nur leiser geworden. Nach Zahlen der Bergischen IHK arbeiten in der Region noch immer rund 7.000 Menschen in etwa 300 Betrieben der Werkzeugindustrie – überwiegend Mittelstand, so wie seit jeher. Werkzeuge und Maschinen aus Remscheid haben international weiterhin einen sehr guten Ruf.

Wer die Geschichte anfassen will, hat es leicht:

  • Das Deutsche Werkzeugmuseum in Remscheid-Hasten (Cleffstraße 2–6) zeichnet rund 500 Jahre Werkzeugfertigung nach – von vorindustriellem Handwerkzeug über Werkzeugdesign bis zur Dampfmaschine. Gegründet 1967, seit 1998 im Neubau. Der Standort ist kein Zufall: Die Brüder Cleff verlegten ihr Exportgeschäft 1847 hierher, später kamen Bürobau und Fabrik dazu.
    (Das Museum ist jedoch seit dem 1. April 2026 wegen Sanierung geschlossen lieber vorher nachschauen! Die Wiedereröffnung ist für Winter 2026/27 angekündigt)
  • Die Werkzeugtrasse („Trasse des Werkzeugs") führt auf einer stillgelegten Bahnstrecke am Museum vorbei durch die Stadt.
  • Im Gelpetal steht mit dem Steffenshammer der letzte funktionstüchtige Schmiedehammer im Remscheider Stadtgebiet.
Von Frank Vincentz - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,

Warum uns das nicht egal ist

Wir sind ein Werkzeughändler aus Remscheid. Kein Museum und keine Traditionsschmiede – aber wir stehen sehr bewusst in einer Linie, die hier lang ist: Werkzeug zusammenstellen, prüfen, verfügbar machen und dahin bringen, wo es gebraucht wird. Genau das haben die Reidemeister und Handelshäuser dieser Stadt jahrhundertelang gemacht, nur eben mit Musterbuch statt Produktdatenbank und mit Segelschiff statt DHL.

Was sich nicht geändert hat: Ein Werkzeug ist nur so viel wert wie das Problem, das es löst. Und das entscheidet sich nicht im Katalog, sondern in der Werkstatt.


Quellen und weiterführende Links

Zurück zum Blog

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.